Mildred Harris, Chaplin (Photoplay, Feb. 1919)

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APPETIZER 1/6


Mildred Harris – Chaplin verkehrt im Strandhaus

von Filmproduzent Sam Goldwyn – und dort,

am Strand von Santa Monica, lernt er Mildred Harris

kennen und bringt sie nach Hause. Noch weiss

er nicht, dass sie seine erste Ehefrau werden wird.



               Fritz Hirzel, Chaplins Schatten.

               Bericht einer Spurensicherung. Zürich 1982


Getroffen haben wollte er sie erstmals am Strand von Santa

Monica, an einem Schauplatz ganz besonderer Art. Sam Goldwyn,

der Filmproduzent, der vor ein paar Jahren noch Samuel

Goldfisch geheissen und als Handelsreisender die Welt mit Handschuhen beliefert hatte, soll ihn angeblich

zum Schwimmen in sein Strandhaus eingeladen haben.

      Hier also will er seine kleine, süsse Geliebte zum

ersten Mal gesehen, sie getroffen und heimgefahren haben,

will mit ihr, halten wir es fest, dieses Statussymbol des

sozialen Unterschieds, in die gewaltige, schwarze Limousine

gestiegen sein, deren Türen Kono, sein japanischer

Chauffeur, hinter ihr schloss.

      Mildred Harris also, sie war das anonyme, verderbte

Nymphchen, an dem sich alles entzündete: Neugier, Zärtlichkeit,

Leidenschaft. Nicht nur Chaplin, auch anderen war

dieses Kokottchen aufgefallen, ihre zarte, träumerische

Kindlichkeit, die mit einem Schuss neckischer, sich

enthüllender Gewöhnlichkeit daherkam, die gleichgültige Art, mit

der sie ihre schamlosen, unschuldigen Schenkel

auf der Sonnenplanke räkelte, nicht zu denken an die

mädchenhaften Brüste, die sich unter ihrem

Badekleid abzeichneten.

      Oder sollen wir vom wundervoll sanften, vom Licht

gestreichelten, langen Haar reden, mit dem ein

zeitgenössisches Portraitfoto sie festhält, vom entzückenden,

leicht verlorenen Dämmerblick ihrer bläulichen Augen,

von ihren geschminkten, schmollend verzogenen Lippen?

      Stellen wir sie uns vor, damals im Strandhaus,

wie sie ihm den biegsamen, seidigen, nackten Rücken

zuwandte, über den manch anderer, wie gesagt,

gerne seine behaarte Hand hätte hinauf gleiten lassen?

      Und doch war es Chaplin, der Hollywoodmillionär,

bei dem sie unvermeidbar landete – sie, das Starlet, der

zwiespältige Mutterstolz einer im Studio beschäftigten

Garderobenfrau, die mit ihr im Cadillac Hotel in Venice logierte.

      Das Filmkind, das schon als Neunjährige vor der Kamera

gestanden hatte, die kleine, angeblich nicht übermässig

talentierte Schauspielerin, die gerade von Lois Weber, einer der

wenigen Frauen, die in Hollywood Regie führten, in einigen

Rollen eingesetzt wurde, in Borrowed Clothes zum Beispiel, in

Price of a Good Time und in For Husbands Only. (...)

      Damals, drei Tage, nachdem Shoulder Arms im Oktober 1918

herausgekommen war, heiratete Chaplin, scheinbar

überraschend selbst für Freunde und Vertraute, wider alle seine

anders lautenden Beteuerungen Mildred Harris, seine kleine

Strandgeliebte, die ihm eröffnet hatte, dass sie schwanger wäre.

      Der Unhold und die Holde: eine Heiratslizenz sollte alles

legitimieren. Keine Abtreibung, eine wenn auch unfreiwillige Ehe,

wie sich‘s für einen Kavalier gehörte: war das die faire Lösung,

auf die alle sich einigten? Selbst ihre Mutter, die sie immer für viel zu jung gehalten hatte, war bei diesem fait accompli einverstanden. 

      Es wurde, streng vertraulich, kurzfristig eine Trauung

angesetzt, sie fand in Los Angeles statt, am 23. Oktober 1918,

unter Ausschluss der Öffentlichkeit: ein verstohlener,

verdrängter, übereilig arrangierter Vorgang.

      Drauf flüchtete das Paar vor den frustrierten Presseleuten

nach Catalina Island, allerdings nur für eine Woche,

mit vaguen Versprechungen einer Weltreise, die nach zwei

Jahren folgen sollte, einer Reise ausser Sichtweite

einer Filmkamera jedenfalls.

      Schon wieder also die Fischgründe von Catalina Island,

Chaplins Fluchtpunkt, die aus dem Pazifik ragende, leicht

erreichbare Inselküste, eine Vergnügungsfahrt von

Los Angeles entfernt. Ein paar Tage nur, das musste reichen;

und doch sollte alles anders werden, als sie zurückkehrten.

      Chaplin, der Ehemann: das war eine ihm fremde, eine neue

Rolle, sehr gerufen kam sie nicht. Die bequeme,

anonyme Hotelexistenz war fürs erste jedenfalls vorbei.

      An ihre Stelle trat die Villa, die mitsamt Gefolge

in North Hollywood bezogen wurde, 2000 De Mille Drive,

diese Symphonie in Lavendel und Elfenbein, exquisit in jeder

Einzelheit, wie Marjorie Daw, ein mit Mildred Harris

aufgewachsenes Starlet, sie beschrieb.

      Die Inneneinrichtung, erfahren wir aus anderer Quelle,

soll maurisch inspiriert gewesen sein: mit dekorativem Design,

der sich modisch jenes orientalischen Stilgemischs

bediente, das bis in die späten Zwanzigerjahre Teil einer Nostalgie

für Exotisches war, der Sehnsucht vergleichbar, die sich

im Kult um Rudolph Valentino äusserte.

      Was Mildred Harris angeht, die Lady des Hauses,

Mrs. Chaplin nun: müssen wir sie für die Allerweltsweisheiten

belangen, die sie von sich gegeben haben soll?

Ein glückliches Heim möchte sie haben, soll sie Marjorie Daw

erzählt haben, im weiteren:

      Das Problem der meisten Liebesaffären sehe sie darin, dass es

um die Romantik, wenn sich der Alltagstrott erst einmal

eingeschlichen habe, nach der Heirat bald geschehen sei, was

sie auf jeden Fall verhindern wolle.

      Mrs. Chaplin: eine seltsame, eine ungewöhnliche Rolle

auch für Mildred Harris. Die Fassade, wir hören es, war errichtet,

sie brauchte nur gestützt zu werden: Mildred Harris tats

beinahe standesgemäss, beinahe.

      Wäre sie bloss nicht auf den Vertrag hereingefallen,

mit dem Louis B. Mayer, einer der neuen Studiomogule, dieser

ehemalige Schrotthändler, sie kaperte.

      Gewiss, sie hatte ein faszinierend schönes Gesicht, aber

eine Schauspielerin, fand Mayer, eine Schauspielerin mit eigenem

Namen war sie wohl nicht. Die Marktchance, die er in ihr

witterte, bestand darin, dass er sie als „Mrs. Charlie Chaplin“ plakatieren konnte.

      Und tatsächlich: die Ehe war kaum geschlossen, da hatte

sie hinterrücks den Vertrag schon unterschrieben, natürlich gegen

den Willen Chaplins, der sich fürchterlich aufregte.

      Mit frohlockendem Publicityrummel kündigte Mayer an,

beim ersten Film mit „Mrs. Charlie Chaplin“ handle es sich um

eine Saga vom schiefen Haussegen, die er unter dem

Titel The Inferior Sex herausbringen wolle.

      Mildred Harris, Chaplins Kindfrau: glaubte sie selbst

ein Star zu werden? Was ihr Eheleben anging, so gabs enorme

Probleme, dies von Anfang an.

      Es gelang ihm nicht, sie bei Gehorsam und Laune zu halten,

sie pochte auf ihre eigene Existenz, mit teenagerhaft überspannten Ansprüchen, die sie einzubringen gedachte.

      Auch ihm war nicht entgangen, dass sie sich nichts

zu sagen hatten, vor allem aber: sie hatte aufgehört, die

berückend kindhafte Gespielin zu sein, sie war eine

schwierige Halbwüchsige geworden, deren magisches

Nymphentum sich verflüchtigt hatte. (...)

      Und dann, in der Hitze dieses ersten Nachkriegssommers,

als die Schwellung ihres Körpers sichtbar wurde, als sie alles für

das zu erwartende Kind vorbereitet hatte und schwer,

wie sie geworden war, sich umständlich bewegte, als es losging

und plötzlich alles eilte, kam das Desaster:

      Eine Mutter, die im Kindbett grösste Schwierigkeiten

hatte und einen Buben zur Welt brachte, der missgebildet war

und nur drei Tage lebte.


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