Merna Kennedy, Chaplin, The Circus, 1928

(British Film Institute)

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THE CIRCUS 2/3


So gross, so modern, so radikal – Der dahergelaufene

Tramp! Er hat weder Vergangenheit noch

Zukunft, nur seine Gegenwart, die den Film allein

zu tragen hat. So gross, so modern, so radikal

im existentiellen Sinn ist Chaplin.



               Fritz Hirzel, The Circus, TagesAnzeiger, 13. Sept. 1973


Die Leute zum Lachen bringen: spontan und unbewusst

gelingt es dem dahergelaufenen Tramp spielend,

doch auf einmal, wenn er vom Zirkusdirektor dazu aufgefordert

wird, kann er es nicht mehr. So ist der 1927 unter

grossen Schwierigkeiten entstandene The Circus jenes

Meisterwerk, in dem Chaplin die Komik selbst

zum Subjekt der Handlung macht. Dieser Film ist so einfach

und schön, dass er in seiner Klarheit auf den Beschauer

wirkt wie ein einsamer, erregender Traumflug. Die Archetypen

menschlicher Komik werden aufgedeckt, als ob es um

Kartenlesen ginge. Das Lachen, die verdrängte Angst, wird zum

Bild, nimmt Gestalt an: der Esel, der jedes Mal auf den

abgerissenen Charlie losgeht, wenn sie sich kreuzen, der

Löwenkäfig, in den der Flüchtende sich verirrt,

bemüht, die schlafende Bestie nicht aufzuwecken, der

Spiegelsalon, in dem er sich seinem Verfolger

unversehens gegenübersieht, mit der Vervielfachung der

Personen in den Spiegeln, der Auflösung der Körper,

die den Figuren etwas täuschend Unangreifbares verleiht, die

Jahrmarktsorgel mit den Wachsfiguren, in die der

fliehende Tramp sich einreiht, unter den Augen des staunenden

Polizisten mechanisch sich drehend und wendend wie

die Puppen aus Gips.

      Die Verwandlung, die eine feindliche Welt Charlie aufnötigt,

geht für Augenblicke bis zur vollkommenen Selbstauflösung. Er muss

sich unsichtbar machen, wenn er davonkommen will. Noch

in der Verleugnung seiner selbst erweckt er den Eindruck eines

Siegers. Das ist das Erstaunlichste an diesem Verlierer,

der so arm und elend am Ende davonzieht, wie er am Anfang dahergekommen ist, als er sich hungrig und pleite hinter

die anderen Zuschauer stellte. Mit nichts tritt er einer Welt

gegenüber, die zuallerletzt auf ihn gewartet hat. Er hat

weder Vergangenheit noch Zukunft, nur seine Gegenwart, die den

Film allein zu tragen hat. So gross, so modern, so radikal

im existentiellen Sinn ist Chaplin.



Aufführung, Filmkritik, Anzeige

The Circus in Zeitungen und Zeitschriften

The Circus in Kinos

Exhibition


Exhibition, Review, Advertisement

The Circus in newspapers and magazines

The Circus in theatres

Exhibition



The American Venus-Trailer, 1926, mit Louise Brooks, 1‘ 07“


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