Gordon Winter, A Cockney Camera, London 1975

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Tramp – Auf der Suche nach seiner Herkunft?

Es sieht so aus, als hätte Chaplin eine entfernte

Ähnlichkeit mit jenem Mann, der seinen

Schatten verkauft hat. Ist er ein Schlemihl also?



               Fritz Hirzel, Chaplins Schatten. Bericht einer

               Spurensicherung. Zürich 1982


In die Figur des kleinen Mannes, die innerhalb weniger

Jahre zum populärsten Mythos des Kinos geworden war, hatte

Chaplin die Erinnerungsbilder seiner Kindheit eingebracht,

verklärte Bruchstücke aus dem Leben in den Strassen,

Häuserzeilen und Hinterhöfen, in denen er in South London,

dem Stadtrevier südlich der Themse, aufgewachsen war.

      London, die im Aufbruch und Wandel begriffene Metropole

eines Imperiums, war Ende des neunzehnten Jahrhunderts

zur am dichtesten bevölkerten, zur expansivsten Stadt der Welt geworden.


Stauwasser der Metropole

Noch 1895, als Chaplin gerade sechs Jahre alt war,

sagte ein Vikar der anglikanischen Kirche über South London:

„Tödlich abgestumpft; eine Art Stauwasser der

Metropole, der undurchdringlichste Teil des Dickichts, in den

die Leute kommen um sich zu verstecken.“

      Für Chaplin, der inzwischen wieder bei seiner Mutter

wohnte, erst hinter Kennington Cross zwischen Schlachthof

und Hayward‘s Konservenfabrik über einem Coiffeurladen

an der Chester Street, später in Pownall Terrace 3, im oberen

Stock eines düsteren Reihenhauses, hatte die Besichtigung

des Dickichts begonnen.

      Entlang der Kennington Road, um die herum er die

Häuserblocks und ihre Bewohner kennenlernte, gab es Leute,

die bei Doulton‘s Töpfereien, andere, die bei der

Eisenbahn Beschäftigung fanden. Manche waren Arbeiter,

manche Handwerker in geregelter Stellung.

      Dazwischen gab es jene, die zu den ärmsten gehörten,

Hausierer, Hafenarbeiter, Stadtstreicher, ein Haufen verlorener

Existenzen.


Momentaufnahme der Kindheit

Es gab, wie gesagt, Bühnenprofessionals hier,

Inhaber gut geführter Läden, Leute der Arbeiterklasse,

aber auch Gelegenheitsarbeiter, Fuhrmänner,

solche, die ohne das Notwendigste zu leben hatten.

      Unter den Vermietern der Häuser eines anderen, ebenfalls

an der Kennington Road gelegenen Blocks befanden

sich Handwerker, Angestellte, Vertreter, Beamte aus Eisenbahn

und Polizei, alle waren sie wohlsituiert, auch wenn

ihre Mieter erheblich schlechter lebten.

      Manche der kleineren Häuser entlang der Strasse waren alt,

oft dem Zerfall überlassen; bewohnt wurden sie von Leuten, unter denen die meisten in Armut lebten, einige gerade fähig, einfachste Arbeit zu verrichten, andere allerdings ausgebildet, unter ihnen Mechaniker, Postangestellte mit regelmässigem Einkommen.

      Es gab Häuserblocks, die teils neu überbaut waren,

teils noch aus Altbauten bestanden, in denen Strassenhändler,

Korbmacher, Busreiniger und Holzhacker wohnten.

      Was die Sauberkeit dieser Leute anging, so war der Schmutz,

der sich täglich an ihnen neu ansammelte, von jenem

Dauerzustand leicht zu unterscheiden, der mit dem Geruch des

Tramps einherging, des Vagabunden und Stadtstreichers,

des verwahrlosten, erinnerungslosen Gescheiterten,

der abgestumpft, in seiner Hoffnungslosigkeit zu keiner Reaktion

mehr fähig war.

      Sie alle gehörten zum Bild der Welt, das der junge Chaplin

in South London aufnahm, einem Schwamm gleich

in sich aufsog, dieser Momentaufnahme der Kindheit, die er in der

Dunkelkammer seines Unbewussten verwahrte.


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Tramp an Laterne, Black Lion, Church Street, Chelsea, London, 1860er

www.fritzhirzel.com


Chaplins Schatten

Bericht einer Spurensicherung