Das Chaplin Studio 1920 zwischen Sunset Boulevard, La Brea

und De Longpre Ave, Hollywood, Los Angeles (Bison Archive Marc

Wanamaker)

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UMZINGELT 1/3


Das StudioBüro, Sekretariat und Stargarderoben

im englischen Landhausstil, die Alltagsrealität

hinter dem Sunset Boulevard als Potemkinsches

Dorf. Welcome to the Chaplin Studio! 1918

nimmt er die Anlage in Betrieb.



               Fritz Hirzel, Chaplins Schatten.

               Bericht einer Spurensicherung. Zürich 1982


Zunächst machte Chaplin sich daran, sich sein eigenes

Studio bauen zu lassen, wozu er in der Gegend von Hollywood

zwei Hektaren Land erworben hatte.

       Zu diesem Grundstück, das sich an der Ecke zwischen

Sunset Boulevard und La Brea Avenue befand, gehörte nicht

nur eine weisse, zweistöckige Zehn-Zimmer-Villa im

Kolonialstil, sondern ebenso ein Baumgarten mit Zitronen,

Orangen und Pfirsichen.

      Eine komplette Anlage mit Entwicklungslabor, Schneideräumen

und Büros wollte Chaplin hier errichten lassen.  

      Endlich war es dann soweit.

      Das Studio, an der La Brea Avenue mit einer Reihe niederer

Gebäude im englischen Landhausstil kaschiert, war

bezugsbereit. Wohnhaus und Tennisplatz schlossen das Areal,

das südwärts bis zur De Longpre Avenue reichte,

zum Sunset Boulevard hin ab. Stellen wir uns die kleine

Extravaganz einmal vor:

      Büro, Sekretariat und Stargarderoben in englischem

Landhausstil, die Alltagsrealität hinter dem Sunset Boulevard

als Potemkinsches Dorf, ein Studioeingang als

Fassadenwelt, wie könnte es bei Chaplin anders sein!

      Vergessen wir nicht die mit dem Geruch von Pfefferbäumen

und Orangenblüten erfüllte, immer noch recht ländliche,

damals noch nicht durch endlose Reihen von Bungalows

zersiedelte, zum Suburb gemachte Umgebung in Hollywood.

      Auf deren grossflächigen Parzellen begannen die

Mogule des Filmgeschäfts mit dem Kulissenzauber eilig erbauter Studioarchitektur ihre Produktionsfabriken als exotische

Trauminseln zu tarnen.

      Für Chaplin also: englischer Landhausstil, exotisch

anmutende Referenz an die Herkunft.


Chaplin trifft im Studio ein  

Sein Arbeitsalltag blieb, nachdem er den Rhythmus seiner

Produktion einmal gedrosselt hatte, stets ungefähr

derselbe – unregelmässig, nicht ohne Starallüren, bald durch Abwesenheit glänzend, bald bis zur Erschöpfung

sich verausgabend.

      Carlyle R. Robinson, der eben eingestellte Presseagent,

lernte Chaplin nicht ohne sich zu wundern kennen: für ihn war

sein Chef vom ersten Tag an ein Mann, der es vorzog,

von seinen Mitarbeitern im Studio „Charlie“ genannt zu werden,

auf keinen Fall „Mister“.

      Ein Mann auch, der eindeutige Vorlieben hatte, dazu nicht

weniger strikte Abneigungen, die sich etwa darin

äusserten, dass er Presseleute nicht mochte und nicht die

geringste Lust hatte, durch „alte Freunde“ belästigt

zu werden.

      Als Robinson, der zunächst vergeblich nach Chaplin

Ausschau gehalten hatte, eines Morgens von einer Besprechung

in sein Büro zurückkehrte, hörte er über das Studiogelände

eine Stimme schreien: „He‘s here! He‘s here!“

      Und jeder in Sichtweite, gleichgültig, ob es sich um

Schauspieler, Ausstatter oder Elektriker handelte, hielt mit

seiner Arbeit kurz inne, was immer er gerade

angefangen hatte.

      Dann trat Chaplin durch den Eingang, höchst erfreut über

das ganze Tamtam, das Robinson so lächerlich

vorkam, dass er sich wunderte, warum keine Salutschüsse

abgefeuert wurde.

      Und doch, der groteske Auftritt schien sich

regelmässig zu wiederholen, wann immer Chaplin sein

Studio betrat.

      Rollie Totheroh, dem Kameramann, fiel es zu, der

versammelten Equipe die Ankunft des grossen Zampano

zu verkünden: „Er ist hier! Er ist hier!“


Chaplins Schatten



Charles Chaplin, How to Make Movies, 1918,

Ausschnitt, 5‘ 23“



Mehr Chaplin Studio.


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