Chaplin, May Reeves (in background behind his shoulder),

Swiss Premiere of Der weisse Rausch, Apollo Kino, St. Moritz, 1932

(L‘Effort cinégraphique, Switzerland)

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Durchreisende  


CITY LIGHTS 3/3


Was für schöne Zähne! – Chaplin, zur Lancierung

von City Lights nach Europa gekommen,

verbringt den Winter in St. Moritz. Hier kommt

es zu Anfang und Ende seiner Affaire mit

May Reeves alias Mitzi Müller.



               Fritz Hirzel, Was für schöne Zähne!

               TagesAnzeiger, 12. April 1989


Er ist im Zeichen des Widder geboren.

Er ist Linkshänder. Er ist nicht gross – 1.62 m. Er hat Augen

„in the darkest blue“. Das schwarze Haar ist weiss

geworden.

      In Berlin hat er Marlene Dietrich getroffen. Sie hatte

gerade den Blauen Engel gemacht – oder, korrekter, der Blaue

Engel hatte gerade sie gemacht. „Wir wurden Freunde

zwischen seinen diversen Scheidungen“, sagt Marlene Dietrich

später.

      Er ist 41 und zweimal geschieden.

      Er weiss nicht, hat er sich verliebt? Er macht Badeferien

in Cannes. Er steht im Hotelzimmer. Er singt. „Ich bin von Kopf

bis Fuss auf Liebe eingestellt.“

      Sie heisst May Reeves.

      „I don‘t believe it, but say it again“, sagt sie.

      „Was für schöne Zähne!“ Er hat mit ihr Tango getanzt. Er hat

sie ins Majestic eingeladen. „Darling, you are so sweet!“

      Wenn sie nicht dabei ist, hat sie gehört, schwärmt er:

„Well, well, well. Isn‘t she adorable?“ So erzählt sie‘s später

Claire Goll, die es – Charles Chaplin intime – bei

Gallimard veröffentlicht.

      Am 13. Dezember kommt er nach St. Moritz.

      „Unangemeldet und zur Überraschung aller ist am

Sonntagnachmittag der weltberühmte Filmstar Charles Chaplin

im Palace Hotel eingetroffen“, ist in The Alpine Post

zu lesen. „Er hätte in den Zeitungen gelesen, sein Freund

Douglas Fairbanks sei hier oben, und beschlossen

ihm im Wintersport Konkurrenz zu machen. Mr. Chaplin wurde

ein warmer Empfang zuteil und jedermann hofft, er werde

seinen ersten Aufenthalt im Hochgebirge geniessen. Er beabsichtigt

Ski und Schlittschuh zu laufen. Begleitet wird er von seinem

japanischen Butler, Mr. Toraichi Kono.“

      May Reeves, mit der er nach St. Moritz kommt, kennt er jetzt

seit April. Er stellt ihr Douglas Fairbanks vor, der mit

Privatauto aus Mailand angereist ist – zusammen übrigens mit

seiner Schwägerin Mrs. John Fairbanks und deren

Töchtern Flobelle und Mary Marguerite. Für Chaplin ist es das

erste mal, dass er auf Skiern steht.

      „Er zittert“, sagt May Reeves. „Er hat Angst den Arm oder das

Bein zu brechen. Für den harmlosesten Sturz schiebt

er mir die Schuld zu. Jedes Mal beklagt er sich beim Aufstehen

statt die ersten Gehversuche mit Humor zu  ertragen.

      Wir kommen zum Hügel, auf dem die Kinder üben, als er auf

Pferdemist ausrutscht und der Länge nach hinfällt.

‚Was fällt dir ein, mich auf diese Piste zu führen?‘, fährt er mich

an. ‚Noch bin ich kein Champion, das hast du gewusst.‘

      ich halte mühsam mein Lachen zurück. Die Piste ist so flach,

dass man auf den Skiern laufen muss um vorwärts zu kommen.

      Der Sportsklub“ – meint May Reeves den Corviglia Ski Club,

der am Christmas Gala Dancing Dinner im Palace Hotel so gut

vertreten ist? – „organisiert eine nächtliche Tour mit

Fackeln auf die Corviglia. Ich ersuche Charlie, sich darauf nicht

einzulassen, solange er die Abfahrt nicht wenigstens

einmal bei Tage gemacht hat, aber Skifieber und sportlicher

Ehrgeiz haben ihn schon zusehr gepackt.

      Es ist stockfinstere Nacht. Von Zeit zu Zeit zwingt uns der

Schneesturm die Augen zu schliessen. Alle zehn

Meter fällt Charlie hin, ich muss dauernd auf ihn aufpassen.

Dabei ist es schon für mich nicht einfach, in der

Dunkelheit das unbekannte Gelände hinunterzukommen.“

      Andreas Badrutt, der Direktor des Palace Hotel, blättert

im mit Celluloid geflickten Gästebuch aus den Dreissigerjahren.

      „Chaplin hat Apartment 129, 130, 131“, sagt er, nachdem

ich Tag der Ankunft, Tag der Abreise aus ihm herausbekommen

habe.

      Badrutt hat in der Bar bei Bekannten gesessen, den

Schlüssel geholt und sich schwer atmend ins Archiv geschleppt.

      Ich frage nach Apartment 129, 130, 131.

      „Das ist im zweiten Stock“, sagt Badrutt. „Es gibt eine Bel Etage,

einen ersten Stock und einen zweiten Stock.“

      Fotos mit Chaplin liegen bereit – beim Skifahren mit

Fairbanks, vor dem Eingang des Palace Hotel mit anderen

Gästen.

      „Das ist Prince Bitetto.“ Badrutt meint den rundlichen Mann

neben Chaplin. „Und das ist Billie Reardon.“

      Ich frage. „Und die Frau daneben, die Frau mit dem Stock

– ist das May Reeves?“

      Unwillig schaut Badrutt mich an.

      „Sicher nicht“, sagt er nach längerem Schweigen. „Das ist eine

Ägypterin... – May Reeves –“ Er klappt entschlossen

das Gästebuch zu. „– ich kann sie im Augenblick hier nirgends

finden.“

      Er legt das Buch ins Regal zurück.

      „Das ist genug“, sagt er.


Man betrachtet sie als Chaplins Verlobte

In der Fremdenliste, die der Kurverein 1931 regelmässig

publiziert hat, steht sieben Namen unterhalb von

Chaplin und Kono:

      Miss May Reeves, Marienbad.

      Sie sei fast genötigt worden, im selben Hotel zu logieren,

nachdem sie in Juan les Pins habe Schluss machen wollen.

      „Nein, komm sofort! Lass deine Koffer bringen!“ soll Chaplin,

mit unterdrückten Tränen, gesagt haben.

      „Seither wohnen wir offiziell zusammen, und man betrachtet

mich als seine Verlobte.“

      Es ist ihr erster Abend in St. Moritz. Er macht mit ihr

einen Spaziergang.

      Klarer Himmel. Sterne. Knirrschender, kristallener Schnee.

Das ist die Szene, wie Claire Goll sie für ihr Buch

ausmalt. Knirrschender, kristallener Schnee? Es ist mal Frost,

mal Tauwetter. Das letzte Mal hat es in St. Moritz

Anfang Dezember geschneit.

      Vorwürfe, sagt May Reeves, hat er ihr in der Winternacht

gemacht – Vorwürfe? Er?

      „Warum hast du mich solange warten lassen?“

      Sie schlafen miteinander. Er schenkt ihr ein mit Brillanten

besetztes Armband, nimmt‘s wieder weg – und lässt

sie drum bitten...

      May Reeves hat ihren Auftritt – ist‘s bei der Birthday Party,

die Fairbanks für Nichte Flobelle im Grill Room gibt?

ist‘s bei der Dinner Party on Christmas Eve, die Billy Fiske und

Jack Eaton im French Restaurant geben? oder ist‘s beim

Christmas Gala Dancing Dinner im Embassy Room on Sunday

Night, wo ihr das Missgeschick passiert?

      Kristalllüster im gotischen Interieur, im Smoking die Gäste,

sie im Abendkleid, ihr Schmuck im Kerzenlicht funkelnd,

im Hintergrund Kellner, René Dumont and his famous orchestra:

ein Tango im Ball Room – dann Rhapsody in blue? Jazz

an der Bar, im Dining Room Mozart und draussen die Depression.

      Ausgerechnet, als sie das Parkett betritt, strauchelt sie;

das Armband reisst, sie ärgert sich – er sucht auf

der Tanzfläche die Preziosen zusammen, statt sie zu trösten

und ihre Nacktheit mit Küssen zu bedecken.

      „My Angel.“ Er will, sagt sie, ein Kind von ihr.

Er liebt sie. Oder nicht? Aus der Palace Bar ist eine Melodie

zu hören – Faillng for you?

      Am andern Morgen sagt er: „Glaubst du nicht, Chérie,

dass die Zeiten zu schwierig sind, um ein Kind in die Welt

zu setzen? Meine beiden Söhne kosten mich schon

ein halbes Vermögen.“


Chaplin wird ohne Braut heimkehren

Nach Europa ist Chaplin gekommen um City Lights

zu lancieren. Im Februar hat er May Reeves noch

nicht gekannt. Massenansammlungen vor den Premierenkinos,

berittene Polizei.

      „London Crowd Gives Chaplin Wild Welcome“, titelt die

Los Angeles Times. Und zehn Tage später: „Berlin Mobs Chaplin

But He Escapes.“ Er fährt nach Wien, fährt nach Venedig.

Er ist in Paris, bekommt den Orden der Ehrenlegion.

      „New romance.“ Eine Story für die Presse. „Chaplin May

Wed Mizzi Muller Winner of Balkan Beauty Contest“, steht in der

Los Angeles Times vom 29. Juli. Das Dementi folgt

anderntags. „Chaplin to Come Home Brideless, Says Manager“

Mizzi Müller, 20, ist May Reeves.

      Manchmal findet Chaplin sich zu alt für sie. Kokettiert er?

Er sitzt am Morgen mit der Brille im Hotelbett und

liest US-Zeitungen.

      Einmal – war das in Cannes? in Marrakesch? – ist er in der

Nacht aufgewacht. Er hat gestöhnt.

      „Ich sterbe, ich sterbe!“

      Ein Alptraum? Ein Krampf im Herz?

      Sie nimmt ihn in die Arme.


Chaplin, Optimist

„Chaplin, Optimist“, hat in der Los Angeles Times gestanden,

bevor er nach Europa abgefahren ist. „Not a Propagandist.“

Er hatte für Arbeitszeitverkürzungen plädiert, für Mindestlöhne.

Millionen Arbeitslose sind‘s in den USA, Millionen

in Europa.

      Im Chaplin Studio, Hollywood, hat Alf Reeves, der

Geschäftsführer, die Belegschaft entlassen. Am 23. April

schreibt er an Carlyle Robinson nach Paris:

      „Du kannst dem Chef sagen, das Personal hier ist auf das

Minimum reduziert. Rollie, Mark, Morgan, Ted Miner,

Anderson und Van Lane sind alle weg. Ich habe Jack Wilson

für Bibliothek und Labor behalten. Schreinerei, Malerei

und Elektriker-Werkstatt sind geschlossen.“

      Robinson, der Pressechef, ist voll damit beschäftigt,

Gerüchte um Chaplin und May Reeves zu unterdrücken. Eine

neue Frauengeschichte? Flitterwochen in Algerien?

Ein neuer Skandal?

      Dabei ist es Robinson, der May Reeves ursprünglich engagiert

hat:. Als Sekretärin für mehrsprachige Korrespondenz.

      Fotoreporter am Quai. In Marseille wird das Liebespaar

erwartet. Sie steigen getrennt aus. Robinson bringt May Reeves

zu seinem Auto.

      „Est-ce Miss Reeves?“ Ein Fotoreporter, der aufs Trittbrett

aufgesprungen ist.

      Robinson: „Non, c‘est la secrétaire de Monsieur Chaplin.“

      Im Hotel sagt er Chaplin, sie sei auch Sydneys Freundin

– Sydney, Chaplins Halbbruder, hat ihm das aufgetragen. „Die

dunkeläugige Tschechin ruiniert ihn noch!“  Im Chaplinklan

bangt man ums Geld.

      „Chaplin wurde weiss. Dann explodierte er. Es war eine

schmutzige Lüge! Ein Trick!“ schreibt Robinson.


Nicht dieser Mensch

Schnee fällt. St. Moritz, das Dorf, in Weiss gehüllt. Es schneit

am 29. Dezember, als Sidney Chaplin im Palace Hotel

eintrifft. Es schneit am 2. und 3. Januar. Im Tal liegt Schnee

– 70 cm, 80 cm, meldet der Kurverein; Schnee, der

in der Sonne glitzert. Man kann sich auf dem zugefrorenen

See servieren lassen.

      Chaplin auf Skiern. Er lässt sich photographieren – im

Skipullover, gemeinsam mit Fairbanks für die Presse. „Zwei amerikanische Filmgrössen als Sportgäste in St. Moritz“,

steht in der Schweizer Illustrierten.

      Billy Fiske, Jack Heaton – Bobfahrer – laden zur Novel Party

on Christmas Eve im Palace Hotel 40 Gäste. Das

Dinner – „a most hilarious affair“ – wird im French Restaurant

serviert: eine Menge Tanzender im Embassy Room,

in der Bar, René Dumont „and his ten boys“ spielen – „till

nearly daylight.“ Bis dass der Morgen graut?

      Billie Reardon hat „greatest lovers of history“ aufgelistet,

welche die Gäste verkörpern sollen – auch Napoleon

und Josephine werden zugelost. Unter den Anwesenden:

      Mrs. und Miss Fairbanks – nicht Douglas, Mr. Chaplin,

Mr. und Mrs. Martineau, Präsident des St. Moritz Bobsleigh Club,

Mrs. Kelly, Captain und Mrs. Arnold, Mr. und Mrs. Oswalt,

Miss Hughes, Mlle Marcelline de Kalau, Miss Reeves,

Messrs Fonjallaz.

      Bobbegeisterte, die am Sunny Corner bei frostiger Kälte

ausharren – erster Lauf, zweiter Lauf... in der Palace

Bar die Preisverleihung, die Ehrengast Chaplin vornimmt.

      Cresta Run – Sonntag, 20. Dezember: 200 km/h werden

gemessen. Trainingszeiten Montag: René Fonjallaz

(Bob) 1.39.5; Jack Heaton (Boblet) 1.36.4.


Adolphe Menjou ist da.

      Zehn Jahre sind es, seit Chaplin A Woman of Paris

mit ihm gemacht hat.

      Menjou – „kurz nach der Ankunft“ – mit Kathryn Carver,

seiner jungen, flachsblonden Frau, bei einem Hock

im Restaurant Steffani.

      „Interessant, dass die Damen Bier aus Masskrügen

trinken, während Adolphe Menjou sich mit einer Tasse

Schokolade begnügt“, heisst‘s in der Sie + Er.

      Gloria Swanson ist da.

      Im Suvretta Haus. Auf Hochzeitsreise. Schlittenausfahrt.

Sie hat eine Apartmentwohnung in Paris. Michael Farmer, ein

Ire, ist ihr vierter Mann.

      „Wenn die kleine, überaus gefällige Gloria Swanson

in der Palace Bar sass, drängten sich die Autogrammjäger

in hellen Scharen vor ihrem Tisch“, sagt Gustave

Doebeli, der Kellner in der Palace Bar ist.

      André Citroen ist da.

      Er gibt am Julierpass ein Picnic. Ein Koch und zwei Domestiken

reisen mit. Am Julierpass dabei: Chaplin.

      Palace Hotel. Auf dem Hotel-Eisplatz. May Reeves fängt

ein Getändel an. „Ein schöner Argentinier.“ Sie bittet ihn zu sich

aufs Zimmer.

      Das passt Chaplin gar nicht. „Dieser Mensch kommt

mir bei uns nicht herein.“


Der Film, den Chaplin zweimal anschaut

In St. Moritz herrscht Leben und Betrieb, bei Hanselmann

gedrängte Enge, Schlitten und Autos – und Fussvolk,

das von auswärts heimkehrt. Fremde, Einheimische. „Ein gutes

neues Jahr“, hört man in den Gassen rufen.

      „Zu denen, die am ausgelassensten feiern, gehören Chaplin

und seine Freunde aus Hollywood“, steht in The Alpine Post.

      Silvester 1931. „Die fröhliche Festgesellschaft im

Palace Hotel begrüsste enthusiastisch zwei weibliche Schönheiten

auf einem goldenen Blumenwagen und hiess die nachrückende

Truppe mit den Kaminfegern ebenso herzlich willkommen.

      Die zarten pinkigen ‚Glücksschweine‘ wurden fast erdrückt

vor lauter Liebkosungen, und dass die armen, kleinen

Viecher im Gewühl der Tanzenden überlebten, welche sie

– ,bringt Glück‘ – am Ohr, am Ringelschwänzchen

rupften und zupften, grenzt an ein Wunder.“

      Gruppenbild im Kino, Chaplin der Star des Premierenabends

– er hier! Name und Datum sind in die Foto eingekritzt:

„Charly Chaplin im Apollo Kino in St. Moritz am 2. 1. 1932.“

      May Reeves, rechts hinter Chaplin, halbverdeckt,

ihr Blick gesenkt – im Kino nimmt sie rechts von ihm Platz.

Der weisse Rausch hat Schweizer Premiere.

      „Das Kino Apollo“, sagt Ursina Vincens, die später das Scala

geführt hat, „– es war nicht gross, gegen 100 Plätze...“

      An Emelka, Zürich telegraphiert Apollobetreiber Zwicky:

„Premiere Fanckfilm Der weisse Rausch in Anwesenheit Charlie Chaplins grosser Erfolg stop wahre Begeisterung.“

      „Das Publikum, zum Teil Kurgäste und Sportler aus aller

Herren Länder, spendete dem Film stärksten Beifall“, schreibt

L‘Effort cinégraphique.

      „Charlie Chaplin war geradezu begeistert von diesem

Filmwerk, sodass er einige Tage später den Film ein zweites

Mal besichtigte“, ist in Schweizer Cinéma nachzulesen.

      Der weisse Rausch

      Produktion: H. R. Sokal-Filmproduktion

      Verleih: Aafa Film AG

      Autor: Dr. Arnold Fanck

      Regisseur: Dr. Arnold Fanck

      Kamera: Richard Angst, Kurt Neubert, Hans Gottschalk

      Musik: Paul Dessau, Fritz Goldschmidt

      Darsteller: Leni Riefenstahl, Hannes Schneider, Guzzi

Lantschner, Walter Riml, Rudi Watt, Lothar

Ebersberg (Kind) sowie 50 internationale Skiläufer

      Prädikat: Künstlerisch, Lehrfilm

      Genre: Hochgebirgslustspiel

      Ort: Wintersportmilieu Arlberg

      Szenen: Rudi Matt, der Tiroler Meisterskiläufer, springt über

einen Felsen. Guzzi Lantschner und Walter Riml, die

beiden „Hamburger Zimmerleute“, bei der Ankunft in St. Anton.

Im Pulverschnee. Vor fahrender Kamera. Die Jagd.

Im Schneehang das Heer der Verfolger. Guzzi Lantschner springt

über drei Hütten. Das Fuchspaar der Verfolger. Leni

Riefenstahl als Fuchs.

      Ihr ist Der weisse Rausch peinlich. „Bei fast jeder Gelegenheit

verlangte der Regisseur von mir, ich müsste ‚au fein!‘

ausrufen. Es war mir zuwider“, schreibt Leni Riefenstahl.

      Fanck hat in St. Moritz 1928 den Film der Olympischen

Spiele gemacht – Das weisse Stadion. 1936 ist es Leni Riefenstahl,

die in Berlin den Film der Olympischen Spiele macht –

Olympia, Fest der Völker.

      Hier, in St. Moritz – im Berninagebiet, am Morteratschgletscher

– hat er mit ihr seinen grössten Erfolg, Die weisse Hölle

von Piz Palü, gedreht. 1935 glorifiziert sie mit Triumph des Willens

den Reichsparteitag der NSDAP.


Chaplin mag Alpenländer nicht

„Hier sind Elite und beautiful people aus Hollywood, Paris,

Berlin und New York gut vertreten“, sagt Chaplin

über St. Moritz. „Das gesellschaftliche Leben ist äusserst

animiert.“

      Thomas Mann mit Frau und Tochter, Hermann Hesse

und Frau sind eingetroffen.

      Chaplin bleibt in St. Moritz.

      „Die Schweiz hat mich nie gereizt“, sagt er. „Persönlich mag

ich Alpenländer nicht.“

      Palace Hotel. French Restaurant. Baron Roland de l‘Espée

gibt eine Dinner Party. Unter den Gästen: Chaplin

und Sidney Chaplin, Marquise de Jaucourt, Mr. und Mme

de Silva Telles, Mrs Anderton, Graf de la Béraudière,

May Reeves, Billie Reardon.

      Chaplin gibt einige Imitationen zum besten.

      „His dramatic impersinations?“

      „Very hilarious!“

      Palace Hotel. Embassy Room. Gala Dinner. Jeanne Lanvin,

die Pariser Couturière, lässt ihre Models mit den

neuesten Kreationen über den Laufsteg paradieren. Nach

St. Moritz benannte Sportbekleidung, der umjubelte

Aufmarsch mit Pyjama- und Strandmode, Abendkleider – lange

Handschuhe, ausladende Pelzkragen, Ohrringe gross, rund.


250 Gäste. Prinzessinnen, Grafen zuhauf. Chaplin am Tisch

mit Mr. Fairhurst und Mme Schmidt, seiner Verlobten,

Mr. und Mrs. Hubert Martineau, Mrs. Woolley Hart, Miss Bunting

Stephenson, M und Mme Pierre Soete, Miss Peggy

Salaman, Mr. Richard Fletcher und Mr. Allan Johnston.

      Auch Gloria Swanson, Rosie Dolly und Billie Reardon sind da.

      Chaplin lädt ein: Lady Louis Mountbatten, Capt. und

Mrs. Cunningham Reid, Mrs. Arthur Johnson, Mr. und Mrs. Michael

Farmer – Gloria Swanson also, die 1915 in einer

seiner Essanay-Komödien gespielt hat; Miss Bunting Stephenson,

Mr. Sidney Chaplin, Miss May Reeves und Mr. Nothman.

      Fonjallaz ist abgereist – zu den Olympischen Spielen

nach Lake Placid. Rosie Dolly – in der Crew, als Fonjallaz den

Argentia Cup gewinnt – hat zur Abschiedsparty ins

Restaurant Steffani geladen. Unter den Gästen: Menjou,

Chaplin und Sidney, May Reeves...

      Pferderennen auf dem See.

      Palace Hotel. St. Moritz Bobsleigh Club Ball.

Tanzwettbewerb. Die Jury: Lady Louis Mountbatten, Chaplin,

Menjou. Aktiv dabei: Rosie Dolly, eine der beiden Dolly

Sisters, verheiratete Mrs. Mortimer Davies; Kathryn Carver,

Menjous Frau... – und Paul Arnold, der Captain aus

Philadelphia, mit Frau. Chaplin versteigert eine Flasche Whiskey

– zugunsten des St. Moritz Bobsleigh Club.

      „Es ist nicht die Wirklichkeit, die im Film zählt, sondern

was die Fantasie daraus macht“, sagt Chaplin

in einem Interview.

      Baron Napoleon de Gourgaud – er weilt mit Baronne de

Gourgaud im Palace Hotel – zeigt im Kino Apollo den Film Le vrai visage de l‘Afrique, den er in Kenya, Belgisch-Kongo,

an den Victoria Fällen, in Diamantminen, in Durban, Kapstadt

und an der Nilquelle gedreht hat.

      Im Publikum, das sich mit anhaltendem Beifall bedankt:

Chaplin, Menjou, Swanson.

      „Löwengebrüll, Pavianengeplauder, unheimliche Schreie

und die Tanztrommeln der Eingeborenen tragen

zum Realismus dieses Tonfilms bei“, berichtet The Alpine Post.

      „Wundervoll wird das Jagen und Erlegen der wilden

Tiere gezeigt, obwohl die Quälerei der Eingeborenen in einigen

Szenen weniger Genuss bereitet.

      Aufschlussreich sind nicht zuletzt die auf der Heimreise

entstandenen Filmszenen von St. Helena, die

schmerzhafte Erinnerungen an den Grossen Napoleon

wachrufen.

      Baron Gourgaud und Mr. Robert Rychner verbrachten

mit einem Kameramann sieben Monate in Afrika,

wo sie hauptsächlich Köpfe für ein Naturhistorisches Museum

gesammelt haben.“


Karl Vollmer, der Napoleon-Biograph, läuft Chaplin über

den Weg – ausgerechnet jetzt, wo Chaplin in Interviews erklärt

hat, er werde seinen Napoleon-Film nicht machen.

      „Ich habe diese prätentiöse –“ Ein neues Fremdwort. das

Chaplin sich angeeignet hat. „– Idee fallen gelassen.“

      Erich Maria Remarque – Ankunft 4. Februar – beginnt zu reden.

„Ich kann nicht schreiben, wenn meine Frau bei mir ist.“

Eine Äusserung, nach der Chaplin geradezu geschnappt haben

muss. „Ich muss mich vollkommen zurückziehen“,

sagt Remarque.

      Man müsste es machen wie Remarque, wenn man geheiratet

habe, bekommt May Reeves hinterher von Chaplin zu hören.

      Sie ist schwanger. Im dritten Monat.

      Er nimmt sie am Abend in die Arme. „In sechs Monaten

werden wir nicht mehr allein sein.“

      Ende Februar ist Remarque abgereist.

      „Nach einer durchwachten und durchgefeierten Barnacht

morgens um fünf oder um sechs oder um sieben

– zieht sich Remarque auf sein Zimmer zurück, nimmt ein

heisses Bad, wirft sich in seinen Morgenmantel

und beginnt unermüdlich an seinem neuesten Roman“, sagt

Doebeli, Monsieur Gustave der Palace Bar.

      Remarque kommt wieder.... – mit Paulette Goddard, die

seine Frau ist – nach Modern Times, nach The Great Dictator,

nachdem sie Chaplins Frau und Hauptdarstellerin

gewesen ist.

      Chaplin, der schreiben muss – Ist es die Pose, die er liebt,

die Selbststilisierung? Für den Bericht seiner Weltreise,

der in Women‘s Home Companion erscheint, soll er 1 Dollar

pro Wort bekommen.


Chaplin ist... – unabhängig

Chaplin fährt Ski.

      Er nimmt die Corviglia-Bahn – hat oben die Sonne,

die gewaltige Rundsicht: Piz Palü 3912 m, Piz Bernina 4055 m.

Und macht die Abfahrt von der Hütte hinunter

nach Dorf und Suvretta Haus, macht sie immer wieder,

immer leichter.

      „Skifahren ist sein liebstes Hobby geworden“, schreibt The

Alpine Post. „Er betreibt den Sport mit erstaunlichem

Eifer. Jedermann ist überrascht von seinen schnellen Fortschritten

– Geduld, Ausdauer und Gleichmut bei Stürzen

haben ihm geholfen sich die notwendige Technik anzueignen.“

      Wo Chaplin vorfährt, steht er im Mittelpunkt des

Interesses. „I play to the gallery“, sagt er zum Rummel, „to give

people something to talk about.“

      Fonjallaz holt einen Weltmeistertitel, nachdem er an den

Olympischen Spielen ohne Erfolg geblieben ist.

      In einem Chalet – auch Chaplin wird erwartet – feiern sie

den Sieg.

      Chaplin in der Palace Bar. Er hat sich – er liebt das – in eine

politische Diskussion verstrickt. Gegen 21 Uhr äussert

er, er habe keine Lust, zur Einladung zu gehen.

      „I‘m... independant“, sagt Chaplin.

      „Good night, big ham!“ May Reeves‘ Stimmung ist auf

dem Nullpunkt.

      Auf einmal steht sie im Palace Hotel – die Gästeschar

der Siegesfeier, umstellt Chaplin und festet weiter

in der Bar.

      Zur Probefahrt hat Fonjallaz sie alle in seinen Bob gepackt,

die Stars jenes Winters, behelmt, knieschlotternd

– Rosie Dolly, Adolphe Menjou... Chaplin hat er genauso haben

wollen – als Beifahrer. Mehr als einmal steigt Chaplin

ein – und springt jedes Mal ab, bevor es am Start losgeht.

      Fonjallaz, der Schweiz I steuert, arbeitet 1936 in Spanien

– für die Legion Condor als Übersetzer. 1941 gibt er in Paris

Au Pilori heraus, Hebdomadaire de combat contre

la judéo-maçonnerie – organe social de la rénovation française,

von Nazideutschen finanziert.


May Reeves ist also doch gut angekommen

Parsenn-Exkursion. Chaplin ist entschlossen teilzunehmen.

Zahlreiche Gäste des Palace Hotels, welche auf die

Tour mitkommen.

      „Ich will nicht“, sagt May Reeves. Sie sei schwanger, ein nicht

so ganz normaler Zustand, erinnert sie ihn.

      „Du ziehst dich jetzt an.“ Fast im Befehlston sagt er das.

„In einer Viertelstunde bist du bereit.“

      Februarmorgen. Mieses Wetter. Sie brechen auf. Mit

Bergführern. Es beginnt zu schneien. Sie hat Mühe mitzuhalten.

Chaplin scheint sie völlig vergessen zu haben. Aufstieg.

Auf dem Rücken die Ski. Am Schluss der Kolonne. Sie beginnt

zu heulen wie ein Kind.

      „Ist Ihnen nicht gut, Mademoiselle?“

      Ein junger Engländer fragt, als sie im Schnee absitzt.

Erschöpft. Verzweifelt. Er trägt ihr die Ski. Endlich kommen

sie oben an.

      Chaplin begrüsst sie. „Well, well, well. Du bist also doch gut

angekommen, wie ich sehe.“

      Abfahrt im Schneegestöber. Er nimmt nicht einmal wahr,

wie es um sie steht.

      Palace Hotel. Dancing Dinner. Sonntag, 14. Februar.

Chaplin mit Lady Deterding, Mme Ulam und Konsul Plesch

aus Zürich.

      Eingetroffen: Hans Albers und Frau.

      Chaplin hatte ihn in Berlin in Liliom in der Volksbühne

gesehen und sich mit ihm nach Schluss der Vorstellung eine

Nacht lang im Hotel unterhalten.

      Palace Bar. Princess Amarjit Singh of Kapurthala gibt ein

Gala Dinner. Unter den Gästen: Prince und Princess de Bitetto,

Baronne Robert de Rothschild, Lady Deterding.

      Sonst in der Bar anzutreffen: Chaplin, Mr. und Mrs. Zwicky,

Apollo-Kinobesitzer.

      May Reeves ist in Tränen ausgebrochen. Sie hat sich

aussprechen wollen. Und das Kind? Sie ist nicht mehr sicher,

ob sie das Kind will.

      „Ist es nicht unklug, eine solche Verantwortung auf sich

zu nehmen?“ sagt Chaplin. „Findest du nicht auch, dass es mit

uns schwierig geworden ist?“

      May Reeves sagt: „Aber du bist es doch, der das Kind

gewollt hat!“

      „Du bist eine Lügnerin.“

      Sie läuft weg, wirft sich aufs Bett, heult los... Ihre Liebe ist

zuende, endlich.

      Im März muss sie die Szene noch einmal spielen.

In Anwesenheit von Sidney. Gesagt wird: Chaplin kann sich

kein drittes Kind leisten, er hat es sich anders überlegt.

      Er kann nicht? Er will nicht?

      Da ist die Wand wieder – die Mauer, die Chaplin-Allianz.

Die Verschwörung, die May Reeves spürt. Charlie und Sydney,

tète à tète.

      „Das Kind, das Kind –“

      Er kann‘s nicht mehr hören. Er, der sie auf den richtigen Weg

zu bringen sucht... – naja, auf den Weg, den er für

vernünftig hält. Wo sie beide doch eine Zukunft hätten und

es doch besser wäre zu warten...

      Im Datum, so ist nachzutragen, irrt May Reeves. Sidney

Chaplin ist am 21. Februar abgereist.

      Chaplin reist am Mittwoch, 2. März ab.

      May Reeves mit ihm. Sie fahren nach Neapel – mit Konsul

Piesch im Auto, mit Chauffeur.

      Chaplin schifft sich nach Japan ein. Umarmung.

Abschiedstoast an Bord. Betrunkene Japaner. Photographen.

Der Kapitän kommt. Sie soll ihm treu sein,

auf bald in Amerika.

      „Adieu, mon cherie, au revoir.“

      Sie wird auf den Quai zurückgeführt, steht in der Menge,

sieht wie die Suwa Maru langsam anfängt auszulaufen. Eine

Volksweise. Das Tutu. Passagiere an Deck, Chaplin allein.

      Das Telegramm, das sie bekommt: „Missing you terribly.

Will send you Kimonos from Japan. Be good, dear.

Love Charlie.“

      Vier Wochen später hat sie abgetrieben.  



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