Universal‘s general manager Europe (Film Daily, May 24, 1926)

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FISCHGRÜNDE 11/11


Einfuhrverbot für „Chalot“ – Chaplins Keystone Filme laufen in Frankreich und in der Schweiz, nicht

aber in Deutschland. In Berlin gelingt es Otto Schmidt nicht an „Charlot“ – auch er schreibt „Chalot“ – heranzukommen.



               Fritz Hirzel, Ein Mann, ein Werk: Freie Bilder für Zürich,

               Aus den Anfängen der Kinogeschichte in der Schweiz,

               TagesAnzeiger Zürich, 7. März 1990.


Monopol Film Zürich, Neugasse 6. Eine Pappschachtel, im

Vorraum abgestellt. Jürg Judin hat die Firma gekauft und ist ins

Kuoni-Haus hinter dem Hauptbahnhof umgezogen.

      „Sherlock junior 5 Rollen Schweiz“ ist mit Filzstift auf die

Pappschachtel geschrieben, aber nicht Filmrollen,

sondern Papierstapel kommen zum Vorschein, Geschäftsbücher,

Korrespondenz, Lieferscheine, Verträge.

      Mit Detektivischem hat‘s gleichwohl zu tun. Zu entdecken:

ein ungeschriebenes Kapitel der Kinogeschichte in der Schweiz

– und ein Mann, Lazare Burstein.

      „Erinnern werden Sie sich meinerseits nur angenehm“,

schreibt Wolf Kuthan, Trianon Film, Berlin 1924. „Ich habe Ihnen

in St. Gallen von der Edison Gesellschaft den ersten

Film verkauft.“

      Im November 1912 soll Burstein begonnen haben,

„Monopol-Film-Verlag L. Burstein St. Gallen“. 1912 steht

– das ist für St. Gallen, möglicherweise auch für

Burstein von Bedeutung – die Stickerei noch an der Spitze der Schweizer Exportgüter, aber im gleichen Jahr lassen

massive Verkaufseinbussen in den USA nichts Gutes ahnen.

      „Freie Bilder für Zürich“ ist eine Liste neu im Verleih

erhältlicher Filmtitel überschrieben – Bilder, Pictures. „Bitte diese

Bilder“, so steht‘s gedruckt auf jedem Lieferschein, „am

Abend des letzten Spieltages per Post- oder Bahnexpress

zu versenden, ansonst Sie für dann entstehenden

Schaden haften müssen.“


Ein rastloser Mann

Burstein ist, Briefe der Geschäftspartner deuten‘s an,

ein Mann, der rastlos unterwegs ist – in halb Europa. Niemand,

macht es den Eindruck, kann ihn stoppen. Auch der

Krieg nicht, der am 3. August 1914 mit Mobilmachung und

Grenzbesetzung die Schweiz einholt.

      Burstein ist wie seine Filme bald da, bald dort.

      In Rorschach zum Beispiel, wo der Tagblatt-Redaktor 1917

schreibt: „Den Kinematographen verachten, das heisst:

freudlos durchs Leben gehen, in lokalen Vorstellungen befangen bleiben, ein Philister sein.“

      Burstein liefert 1914 (es ist eines der frühesten Dokumente

aus der Pappschachtel) für Sonntag, 29. November:

Judith von Bethulien, 4 Akte, Drama. Der Adressat der Filmkopie:

Herr Winkler, Grand Cinéma zur Krone.

      Es ist, 1914 produziert, der erste amerikanische

Ein-Stunden-Film. Die Regie hat D. W. Griffith. Es ist der letzte

Film, den er für die Biograph dreht. Eine apokryphe Episode

aus dem Alten Testament.

      Judith von Bethulien tötet, um ihre belagerte Stadt zu retten,

ihren Geliebten, den assyrischen Feldherrn Holofernes.

Mit Blanche Sweet, Kate Bruce – und Lillian Gish, die über Griffith

sagt: „Als Dorothy und ich nach Jerusalem gingen, spürten

wir, dass es von Mr. Griffith erbaut worden war.“


Bibelfilm

Jeder Bibelfilm, der nach Griffith kommt, ist ein Abstieg

in die Trivialität.

      „Dear Mr. Burstein, Ihrem Brief vom 5. August entnehme ich,

was Sie von Bibelfilmen halten. ich kann Ihnen nur

sagen, dass die amerikanischen Bibelfilme bedeutend besser sind

als die italienischen“, schreibt 1924 aus London A. Fried,

The British & Transcontinental Films.

      Es gibt Asta Nielsen in Rorschach. Das Feuer, 3 Akte. Und am

Sonntag darauf, im selben Februar 1915, Lydia Borelli.

      „Wir reservieren Ihnen Bis in den Tod oder Ich habe ihn zu sehr

geliebt mit Lydia Borelli in der Hauptrolle (5 Akte). Wunderbares

Reklamematerial, sehr viel Photos. Sie werden damit ein

gutes Geschäft machen und das Publikum höchst zufrieden stellen.

Um Ihnen entgegenzukommen, werden wir das Programm

nur mit Fr. 80 berechnen.“


Geschäftspiraterie

„Monopol Film“ ist zunächst nicht der Firmenname,

sondern ein Hinweis auf das ausschliessliche Verwertungsrecht –

und das ist mitunter heftig umstrittten.

      „Von einer Konkurrenzfirma werden ,Lydia-Borelli-Filme‘

angeboten, für welche ich das Alleinaufführungsrecht in der Schweiz erworben habe“, wettert Joseph Lang, Filmverleiher in Zürich,

im Wochenblatt Kinema.

      Worauf Burstein – „eine geharnischte Abwehr“, meint der

Redaktor – den Vorwurf „kategorisch in Abrede stelllt“. Er kauft

Hochzeitsmarsch mit Lydia Borelli, den er 1916 nach

Lugano (Cinema Centrale) liefert, 1917 nach Fleurier (Casino).

      „Da durch den Wegfall der Sprache die Mimik und die

Gebärde im Kinema die Hauptrolle spielen, so sind die Meister

der Mimik und der Gebärde, also die Italiener, hier das

Höchste“, schwärmt Carl Spitteler 1916.

      „Da erlebt man förmliche Offenbarungen, zum Beispiel

der Gang, das Spiel der Arme. Und wenn sich zur Meisterschaft

noch die Schönheit gesellt, so erhalten wir im Gebiete

des Höchsten das Allerhöchste, mit einem Wort: Lydia Borelli.“

      In Berlin wird ebenfalls Geschäftspiraterie gewittert.

      „Seit einigen Tagen wird hier behauptet, dass Herr Lothar

Starck, der sich zur Zeit in der Schweiz aufhält, an einen hiesigen

Verleiher Bertini- und Borelli-Filme verkauft haben soll“,

meldet am 13. April 1917 Geschäftspartner Otto Schmidt,

Kinematographische Films, Berlin-Friedrichstrasse 220,

Generalvertreter für Deutschland, die Schutzmarken „Vitagraph,

New York“ und „Itala, Torino“ schmuck-pompös im Briefkopf.


An „Chalot“ gross interessiert

Lokale Kinodynastien – Wachtl, Eberhardt – werden sichtbar,

wenn Burstein 1924 seinen Angestellten Benjamin Kadischewitz instruiert:

      „Dem Wachtl wollen Sie zu verstehen geben, dass er endlich

einmal unser Guthaben begleichen soll. Ich lege Ihnen nochmals

ans Herz, die kleineren Kunden wie Winterthur, Wattwil und

Arbon nicht zu vernachlässigen.“

      „Veranlassen Sie, dass Frau Spring zu uns kommt. Trachten

Sie danach mit Eberhardt einen neuen Abschluss zu machen und

seien Sie fest hinterher von Glur und Frau Simon Geld zu

bekommen.“

      „Wegen des Films Die Morphinisten gebe ich Ihnen noch

Bescheid“, berichtet Otto Schmidt am 8. Oktober 1915 aus Berlin.

      Und kommt – neuer Absatz, eingerückt – zur Sache:

      „Ich möchte nochmals erwähnen, dass ich für die Chalot-Filme“

Geschrieben „Chalot“, nicht „Charlot“. „grosses Interesse

habe und würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie bei Ihrer nächsten

Zusammenkunft mit dem betreffenden Fabrikanten für mich

Fürsprache einlegen wollten, damit ich die Vertretung für

Deutschland bekomme, evtl. erst für die Dauer nach dem Kriege. Sollten die Kopien aus Amerika kommen, so wäre ich evtl.

jetzt schon Käufer.“

      Die Sache ist Schmidt wichtig. In einem PS fügt er hinzu:

      „Vielleicht gelingt es mir auch, die Genehmigung der

Behörde zur Einfuhr der Chalot-Filme zu erhalten, trotzdem sie

in“ „Paris“ durchgeixt. „P. gedruckt werden. Es würde sich

also darum handeln, dass Sie die Erlaubnis erwirken, diese Filme

während der Kriegsdauer in Deutschland verkaufen zu dürfen.“

      Eine Woche später berichtet Schmidt nach St. Gallen:

      „Wegen des Films Die Morphinisten habe ich mit dem

Inhaber des Negativs Rücksprache genommen. Ich könnte Ihnen

eine ganz wenig gelaufene, so gut wie neue Kopie zum

Preis von 95 Pf. pro Meter abgeben mit Monopolrecht für die

ganze Schweiz. Der Film hat in allen Ländern der Welt

grossen Erfolg gehabt.“


Frontschweine

Ins Geschäfts sind sie in diesem Fall nicht gekommen:

Burstein kauft Die Morphinisten nicht. Und „Chalot“ kommt

„während der Kriegsdauer“ nicht nach Berlin.

      Blaise Cendrars, der Schriftsteller, hat behauptet,

die Deutschen hätten den Ersten Weltkrieg verloren, weil sie ihn

nicht gekannt hätten – „Charlot“!

      „Es war 1915, im Bois de la Vache, in einer regnerischen

Herbstnacht, die alles zu Matsch zerfliessen liess“, notiert

Cendrars.

      „Wir krochen im Dreck herum, in verlorenen Schützengräben,

in einem Minenloch, das sich langsam mit Regenwasser

füllte, als Garnier, genannt ‚Der Pisser‘, der erste Urlauber unserer

Korporalschaft, wieder zu uns stiess, geradewegs aus Paris.“

      „Die ganze Nacht erzählte er uns nur von Charlot.

Wer war dieser Charlot? Ich glaubte, dieser Charlot sei ein

Kumpel von ihm, ein Saufbruder oder ein Schwager

linker Hand, und die ganze Nacht brachte er uns mit den

Abenteuern dieses Kerls zum Lachen.“

      „Von dieser Nacht an und während der nächsten acht

bis vierzehn Tage brachte uns jeder Stoss von zurückkehrenden

Urlaubern neue Charlot-Geschichten mit, und wir armen

Frontschweine, die wir ungeduldig unseren eigenen Urlaub

herbeisehnten, mussten diesen Glücklichen gewaltig

um den Bart gehen, wollten wir erfahren, was es sonst noch

in Paris gäbe.“


„Chalots“ neuester Flirt

Und „Chalot“? Er taucht 1915 in Basel auf, bei Franz Lorenz

im Cardinaltheater, im wöchentlich neuen, jeweils von Mittwoch

bis Dienstag inklusive gezeigten Programm.

      Für die Woche vom 17. bis 23. November hat Burstein nach

Basel spedieren lassen: Und als die Glocken läuteten (3 Akte,

1100 m), Arznei für Frauen (2 Akte, 690 m), Herstellung von Blüten

(130 m – „Herrlich kolorierte Aufnahme“), Kanonenfabrikation

(180 m) und, ohne Längenangabe, handschriftlich noch ergänzt:

Chalots neuester Flirt.

      Einen Monat später, für die Woche vom 15. bis 21.

Dezember, kommt Chalots Nachtbummel (2 Akte, 670 m) nach

Basel – zusammen mit Flammen in Schatten (3 Akte,

1000 m – „Modernes Gesellschafts-Drama mit der berühmten

Künstlerin Hesperia in der Hauptrolle“), Palästina (400 m)

und Seltsamer Schmuggel (260 m).

      Die Rechnung beträgt Fr. 700 plus Reklamematerial &

Porti Fr. 20.


Zürich verbietet „Chalot“

Nach Zürich-Rennweg, in die Eden-Lichtspiele – „Herren

Mantovani & Co.“ – geht 1916 für die Woche vom 2. bis 8. Februar

Chalot und Mabel beim Rennen, 1 Akt, 305 m – mit der

Randnotiz: „Sehr viel zum Lachen.“

      Ein Autorenntag. Unter den Zuschauern taucht Chaplin auf.

Mit Spazierstock. Betrunken. Mit Blume im Knopfloch. Im

Gehrock, mit hellem Hut und Stehkragen. Spielt sich auf. Macht

sich heran an Mädchen, die begeistert das Autorennen

verfolgen.

      Einer öffnet er die Handtasche, nimmt ein Taschentuch

heraus und winkt. Bei einer sucht er sich gar aufzustützen, da

reagiert sie aber sauer.

      Schliesslich prallt er mit Mabel und ihrem Bauchladen

zusammen, vertreibt einen Dieb, klaut stattdessen selber Würstchen

und übernimmt zuletzt die ganze Kiste.

      Alle schlägt er sie los, nur Geld hat er keins eingenommen.

Mabel holt Chester Conklin zu Hilfe, den Keystone Cop mit

Schnauz und Sheriffstern, der von Chaplin aber Prügel bekommt.

      Nicht umsonst hat die Zensur, so ist‘s im Polizeiprotokoll

festgehalten, den Film im Jahr darauf, 1917, verboten.


Das verlorene „r“

„Sehr geehrter Herr Mantovani!“ ereifert sich Kadischewitz,

der in St. Gallen, im Büro an der Vadianstrasse 22, die Festung

hält. „Soeben habe ich Herrn Burstein telephonisch

gesprochen, es war ihm beim besten Willen unmöglich zu Ihnen

vorbei zu kommen, er hatte sehr Wichtiges zu erledigen

und ist schon nachher viel zu spät gewesen.“

      Unter den aufgelisteten Stars einer ganzseitigen Anzeige

– Titel „L. Burstein, St. Gallen. Ein beredtes Zeugnis“ – 1916 in

Kinema steht richtigerweise „Charlot“.

      Irgendwann, 1916, bekommt „Chalot“ das „r“ zurück,

das ihm beim Grenzübertritt aus Frankreich abhanden gekommen

ist – was Christian Karg, Verleiher in Luzern (Löwendenkmal

im Briefkopf) und neuer Inhaber des Kino Eden in Zürich, nicht

hindert in einem Brief am 19. April 1917 noch einmal von

einem „Chalot“ Film zu reden.

      Ist es ein Missverständnis, das Burstein unterlaufen ist –

in Eile, aus Nachlässigkeit? Kadischewitz, sein Angestellter, notiert

auf Lieferscheinen mehrfach „Chalot“. Sind Unkenntnis und

Flüchtigkeit der Grund?


Filmhändler

Oder hat Burstein absichtlich „Chalot“ angeboten, weil er das

Recht, „Charlot“ in der Schweiz zu verleihen, nicht eindeutig auf

seiner Seite hat?

      Auch wenn Krieg ist, messen Filmhändler in Paris

ihr Terrain aus, als sei Genf ihr Hinterland, eine französische

Provinz.

      Es sind, kein Zweifel, Keystone Komödien, die zwischen

Lugano (Odeon) und Basel (Cardinal), St. Gallen (Lichtbühne)

und Montreux (Théâtre des Variétés) zirkulieren:

      Charlot und die Matrosenbraut, Charlots Rivale,

Charlot und Fatty im Café, Charlot und die Nichte des Dollarkönigs

(6 Akte – „Brillantes Lustspiel mit Amerikas berühmtesten

Komikern Madame Kessler“ (gemeint ist Marie Dressler inTillie‘s Punctured Romance) „und Charlot Chaplin.“

      Seltsamerweise ist in Kinema nicht ein einziges Inserat

Bursteins zu finden, das Chaplin hervorhebt. Das bleibt Albert

Vuagneux, Verleiher in Lausanne, vorbehalten, der

Charlot daheim, Charlot als Konditor, Charlots Traum und Eine

Muster-Waschanstalt anbietet – am 2. Februar 1917

auf einer Doppelseite.

      Burstein besitzt in St. Gallen das American Kinema an der

Kornhausstrasse, wo‘s am 30. Oktober 1915 brennt. In Panik

hätten die Besucher, berichtet die Ostschweiz, sich ins

Freie gerettet, und Kinema druckt nach.

      So panikartig könne es nicht gewesen sein, entgegnet

Burstein. Eine Frau hätte sich geweigert, das Kino „wegen dem bisschen Feuer“ zu verlassen.


Bewegung

1916, im Spätsommer, soll Burstein nach „seiner siebenwöchigen,

schweren Erkrankung vollständig wiederhergestellt“ sein,

berichtet Kinema.

      „Bin von meiner Auslandreise zurück“, inseriert Burstein

im November, „und habe die besten Sachen eingekauft.“

Ende 1917 sogar im Reim: „Bei meinen Filmen macht es nicht die

Masse, sondern die Rasse, die Klasse und die Kasse!“

      Und auf dem Titelblatt: „Der Dienstag schickt heimlich

den Mittwoch zum Donnerstag, er möge den Freitag veranlassen,

unter allen Umständen durch Samstag und Sonntag

zu erfahren, was für ein aussergewöhnlicher Schlager am Montag

als Monopol-Film bei Burstein eingetroffen ist.“

      Die Firma wird schrittweise nach Zürich verlegt. Zunächst,

1917, in eine Jugendstilvilla an der Schmelzbergstrasse 59,

eigentlich Bursteins neue Wohnadresse, dann, 1919, „in unser

Haus“ an die Nordstrasse 7.

      Und Kadischewitz beklagt sich, dass „infolge des Umzugs

keine musterhafte Ordnung unmöglich herrschen“ kann.

      „Ich kann Ihr Lamentieren nicht begreifen, da Sie sich doch

genau wie ich in solchen Momenten erst recht wohl fühlen“,

mahnt Burstein, Hotel Fürstenhof Berlin. „Das Wesen

der Kinematographie besteht ja bekanntlich aus Bewegung

und so müssen wir uns unentwegt bewegen.“


First Class

Burstein erreicht Amerika. In der Tasche ein Empfehlungsschreiben

der Selznick Distributing Corporation in New York, ausgestellt

für „Mr. L. Burstein of Switzerland who is interested in Comedies

for the Continent“.

      Am 5. Juli 1924 bekommt First Class Passenger Burstein,

Steamboat Leviathan, Pier 89, Northriver, New York,

ein Radiogramm: „Auf Wiedersehn. Pleasant Journey. Zei

gesundt. Manheim.“

      In Paris wird ein Büro eröffnet.

      „Mein liebes Onkelchen, habe bestens Deine drei Briefe

erhalten. Bist wieder auf Reisen, Onkel, wirklich

unternehmend und energisch“, schreibt von dort Neffe Felix,

der Burstein um eine Flasche Wunderbalsam bittet,

kein Geld hat, um die Dactylo zu bezahlen, und nicht weiss,

wie er Missing Daughters an den Mann bringen soll.

      „Der Film wird heute Nachmittag für Spanien gezeigt.

Welchen Preis kann ich als Minimum annehmen? Donnerstag

kommt bestimmt ein Holländer. Am Montag habe ich

ein Rendezvous mit einem Balkanmenschen.“

      Burstein, ein Reisender in Sachen Film – wenig lässt sich über

ihn privat in Erfahrung bringen. Er ist verheiratet, hat zwei

Söhne. Heimat (ist in St. Gallen, im Einwohneramt, registriert):

Stornime, Russland. Geboren: 21. November 1877.

      Seine Frau: Dora Carolina Eugénie Winter. Ihre Söhne:

Benjamin 1905, Erich Theodor 1907 geboren.

       Burstein meldet sich nach Zürich ab, er ist von Bern gekommen.


Pacific

In St. Gallen hat Burstein sein Kino nach fünf Jahren, 1919,

verkauft, aber einen Firmensitz hat er noch immer in der

Stadt, 1923 im Eckhaus Schreinerstrasse 7/Gartenstrasse – im

Pacific, einem sechsstöckigen Stickereigeschäftshaus, dem

das Hochbauamt erst 1984 attestiert hat:

      „Revolutionärer, neuer Typ eines Stickerei-Etablissements“.

      Die Filme, bei der Schweizerischen Mobiliar für 100 000 Fr.

versichert, sind im sechsten Stock untergebracht, die

Büros im vierten. Der Briefkopf zeigt das Markenzeichen der

„Universal New York“, mit Hinweis auf Exklusivrechte.

      Burstein liebäugelt mit Universal Pictures Corporation und

Carl Laemmle, ihrem Präsidenten. Er hat „den Film,

der Universal mehr als eine Million Dollar gekostet hat“ –

Merry Go Round, bei dem Erich von Stroheim die

Regie entzogen wird – in Zürich herausgebracht, bei einer

Gala-Premiere im Bellevue.

      In der Zusammenarbeit mit Universal-Berlin aber hapert‘s.

„Ich bin stets stiefmütterlich behandelt worden, was Lieferungen

und Bestellungen angeht“, klagt Burstein.

      „Dieses Mal will ich es unbedingt zu meiner Pflicht machen Ihr

Büro in St. Gallen zu besuchen und sei es nur für ein paar

Stunden“, schreibt Laemmle, Park Hotel Pupp Karlsbad. „Ich

verstehe, was Sie über den Alpenfilm sagen. Ich hoffe,

er wird etwas Wertvolles, wenn er einmal fertig gestellt ist.“

      August 1924. „Sie sehen, dass ich ein wirklich wandernder

Jude bin und vor keiner Grenze zurückschrecke“, schreibt

Burstein an Harry Zehner, der ihn mit Laemmle zusammenbringt.

      Was immer sie in St. Gallen sonst noch besprochen haben:

Aus Luzern, Grand Hotel National, macht Laemmle eine

Anzahlung, vier Schecks über je 500 Dollar.

      Das Engagement, auf 20 000 Franken begrenzt, gilt der

Erfindung eines Mr. Roland, der seine Apparate perfektionieren

soll. Ende 1924 hat Burstein die Monopol Film an

Kadischewitz verkauft.


Chaplin At Keystone   Chaplins Schatten    weiter   zurück

Lazare Burstein who sends Chalot und Mabel beim Rennen to Eden, Zürich, becomes

www.fritzhirzel.com


Chaplins Schatten

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