Chaplin, Jackie Coogan, The Kid, 1921 (National Film Archive)

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THE KID 2/7


Jackie Coogan – Chaplin hatte ihn auf der Bühne

im Los Angeles Orpheum Theatre entdeckt.

Vor der Kamera, erst recht in einer Titelrolle, war

das Kind für Chaplin, den Regisseur, eine

tägliche, kleine Sensation.



               Fritz Hirzel, Chaplins Schatten. Bericht einer

               Spurensicherung. Zürich 1982


Es war gewiss kein Zufall, wenn Chaplin gerade aus dem

privaten Tief heraus, in das er mit seiner Ehe geraten

war, auf die Idee, auf die Stimmung verfiel, sich der Tage

seiner Kindheit in South London zu erinnern.

      Das wird auch nicht geschmälert durch den Umstand,

dass der Anstoss, die Inspiration dazu von seiner Neuerwerbung

ausging, vom Wunderkind auf der Besetzungsliste – von

Jackie Coogan, dem von Chaplin auf der Bühne des Los Angeles

Orpheum Theatre entdeckten Kleinen, der bereits in

A Day‘s Pleasure, am Rand freilich nur, im Bild gewesen war.

      Nun stand er im Mittelpunkt, wurde im Handlungsgeflecht

zum Dreh- und Angelpunkt aller Sorgen und Nöte,

die ein im Slumbezirk sich durchs Leben schlagender Charlie

mit dem ihm aufgehalsten Findelkind, seinem flinken,

gelehrigen Nachwuchs, sich zu teilen entschliesst.

      Das Kind vor der Kamera, erst recht in einer Titelrolle,

war für Chaplin, den Regisseur, eine tägliche, kleine

Sensation, denn tatsächlich erwies sich der talentierte Kleine,

der einer entsprechenden Behandlung sicher sein konnte,

als die Attraktion auf dem Drehplatz.


Gefühl in die Bewegung legen

Babies und Hunde, meinte Chaplin zwar, indem er The Kid

mit A Dog‘s Life verglich, seien ohnehin die besten

Filmschauspieler, aber mit dem neuen Partner, so kam es der

Equipe vor, war es trotzdem etwas Besonderes.

      Die pantomimischen Grundregeln, die Jackie Coogan

zu lernen hatte, erfasste er schnell, mühelos. Er brachte

es fertig, in seine Bewegung Gefühl zu legen und das Gefühl

in Bewegung umzusetzen. Und  er vermochte das beliebig

oft zu wiederholen, ohne dass der Eindruck der Spontaneität

verloren ging.

      Unter anderem sah das Drehbuch für Charlie und den

Kleinen Aufnahmen vor, in denen sie mit geteilten

Aufgaben auf der Gasse unterwegs sind. Fenstereinschmeissen

als Arbeitsbeschaffung. Ein Einfall übrigens, den der

Tournéeveranstalter Fred Karno über sich aus jenen Tagen

in Umlauf brachte, in denen er sich erfolglos als Glaser

bemüht haben will.

      Er pflegte einen Kollegen anzuheuern, der ein paar

Fensterscheiben einschmiss, erschien dann wie durch Zufall

gerade rechtzeitig am Tatort, um sie zu reparieren.


Rückzug, nicht durchgehalten

Helle Freude hatte Chaplin, der Regisseur, an der Szene mit

dem Polizisten, den Jackie Coogan unvermutet hinter sich

wahrnimmt, als er mit der Hand gerade zum Steinwurf ausholt,

um eine weitere Fensterscheibe einzuwerfen.

      Wie er den Arm auf einmal baumeln lässt, als sei‘s ein

harmloses Ballspiel, wie er den Stein wegschmeisst,

davonschlendert und plötzlich zu rennen beginnt. Das war ein

ganzer, durchaus schwankender Ablauf, ein vertuschender,

nicht völlig durchgehaltener Rückzug gleichsam.

      Chaplin liess das dreimal, vielleicht viermal proben,

dann hatte Jackie Coogan die Mechanismen begriffen und

begann ein Gefühl für die Szene zu bekommen.

Natürlich gab es andere, weitaus einfachere Aufgaben,

die nicht so mühelos zu realisieren waren.

      Unübertrefflich war Jackie Coogan offenbar, wenn er geistig

beansprucht wurde. Einmal aber, da wollte Chaplin ihn

mit einer Türe hin und her schwingen lassen – ohne Gedanken,

einfach so, doch wirkte der Kleine, weil er an nichts zu

denken hatte, so befangen, dass Chaplin die Idee fallen liess.

      Auch Jackie Coogans Vater, der Grotesktänzer,

ebenfalls beim Film gelandet, offenbar aus seinem Vertrag

bei Fatty Arbuckle aber ausgestiegen, war inzwischen

auf dem Drehplatz dabei.

      Nicht nur, dass er Chaplin im Umgang mit dem Knirps

behilflich sein konnte, er spielte auch den Kleptomanen in der

Nachtasylszene, der sich mit Schlangenfingern an Charlie

heranmachte.


Heulender Balg

Eines Tages endlich standen jene Szenen auf dem

Drehplan, die zum dramatischen Höhepunkt des Films werden

sollten, jener Augenblick, in dem zwei Beauftragte der

Armenfürsorge den Kleinen von Charlie fortschleppen, um ihn

in ein Waisenhaus zu stecken.

      Jackie Coogan sollte Tränen vergiessen, Tränen

der Verzweiflung, doch warteten alle vergeblich, und Chaplin

mindestens behauptete später, was er ihm auch an

Schrecklichem erzählt habe, Jacke Coogan sei ungerührt

geblieben.

      Schliesslich hätte er ihn mit seinem Vater allein

gelassen, der es ohne Schläge, ohne ihn zu erschrecken,

in kürzester Zeit fertigbrachte, das muntere Kerlchen

in den benötigten heulenden Balg zu verwandeln – und zwar

ganz einfach, indem er ihm drohte, er dürfe nicht

mehr ins Studio.    



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